Einst hätte man sie am liebsten in die Luft gesprengt: die vor und während des Zweiten Weltkriegs in unserem Land errichteten Panzersperren. Heute vermögen sie kaum mehr zu provozieren, im Gegenteil. Heute sind sie von Efeu umrankt, moosbewachsen, und bieten manch einem Tierchen willkommenen Lebensraum. In der Waadt, bei Nyon, führt gar ein neu geschaffener Wanderweg entlang solcher Sperren; es handelt sich um den Sentier des Toblerones

chemin1Naturfreund (April-Mai 2/02)
Text: Herber Gruber

 

 

 

 Die Toblerone ist eine feine Schokolade. Jedes Kind hierzulande weiss, wie so eine echte Toblerone aussieht. Aber was ist ein Sentier des Toblerones? Nun, es ist kein Schokoladen‑Weg. Es ist vielmehr ein Wanderweg, ein geschichtsträchtiger, der von den Jurahügeln (bei Bassins) hinunter an den Genfersee (bei Prangins/Nyon) führt ‑ und zwar entlang der während des Zweiten Weltkriegs befestigten Promenthouse‑Verteidigungslinie.

Damals, vor 60 Jahren, als die Armee des Dritten Reichs die neutralen Staaten Norwegen und Belgien angegriffen hatte, stieg auch in der Schweiz die Angst vor einem Einfall deutscher Truppen. Darum sollte die Promenthouse‑Linie die Westgrenze resp. die wichtigen Verbindungswege entlang des nördlichen Genferseeufers schützen. Also begann die entsprechende Feldarbeit: Eisenbahnschienen wurden in den Boden gerammt, Bunker gegraben, Festungen errichtet und Betonklötze gesetzt; ein Klotz neben dem anderen, quer durchs Land, kilometerweit ‑ was schliesslich zu dieser Toblerone‑Geschichte geführt hat: beschaut man sich nämlich diese in die Ferne reichende Aneinanderreihung von Betonblöcken, wird einem der Verweis auf Toblers Schokoriegel augenfällig…

Lauert Gefahr?

Sie sagen es alle: die heutige Weltlage ist nicht vergleichbar mit jener von vor 20, 30 Jahren, und erst recht nicht mehr mit jener von vor 60 Jahren: dass eine nationale Armee in ein Nachbarland eindringt, können wir uns in Westeuropa kaum mehr vorstellen. Terrorismus, das ist das Thema, mit dem wir uns herumschlagen, aber nicht mit Krieg zwischen einzelnen Staaten; zumindest nicht in unserem näheren Umfeld. Es fällt daher heute schwer, die Gedanken jener Generation nachzuvollziehen, die vor und während der Zeit des Zweiten Weltkriegs am Ruder war; jungen Menschen gar erscheint deren Handeln mitunter gar als absurd.

Derlei Ueberlegungen standen (auch) hinter dem 1994 gefallenen Entscheid, die in die Jahre gekommene Panzerabwehrlinie oberhalb Nyon vor dem endgültigen Aus zu bewahren. Weil man der Meinung war, dass sie einem zur Geschichtslektion werden könnte, zur Lektion vor Ort. Auf dass damaliges Handeln, auf dass die Bedrohungslage, mit der man sich gestern konfrontiert sah, auch heute verstanden würde. Also machten sich, von privater Initiative ausgehend, eifrige Hände ans Werk. Eine Frucht dieser Arbeit liegt mittlerweile vor: es ist ein durchgehend beschilderter Wanderweg von Bassins über Vich nach Prangins, eben der Sentier des Toblerones.

Tarnung ist alles

Man mag sich fragen, warum diese Toblerone‑Beton‑Blocks damals genau hier und nicht woanders gesetzt worden waren. Und da seit 1940 die Siedlungs­gebiete ihre Gesichter zum Teil radikal verändert haben und Gewerbe‑ und Wohnquartiere von Tag zu Tag weiter hinaus in einstamls grüne Matten wu­chern, wird der Eindruck, wonach diese Verteidigungslinie einen seltsamen Ver­lauf nehme, zusätzlich verstärkt. Da mag es also vorkommen,  dass derlei Be­tonblocks heute just neben der Villa ste­hen: Oder aber den Gemüsegarten ver­stellen.

Mit Zufall indes hat diese Linie nichts am Hut; Militärstrategen wissen, was sie tun. Also gehen sie auf die Topografie ein; und ziehen die Vorteile, die ihnen das Gelände bietet, mit ein in ihre Erwägungen, und ergo führt die Verteidigungslinie zwischen Bassins und Gland entlang von Fluss‑und Bachläufen, zuerst in der Senke des Ruisseau de la Combe, dann in jener der Serine und schliesslich in jener der Promenthouse (von der her die Linie ihre offizielle Bezeichnung erhalten hat). Da und dort indes hatten die Verteidigungs-Strategen gleichwohl harte Nüsse zu knacken: weil mit den Blocks schon damals wertvolles Nutzland überstellt wurde, und sich entsprechend Widerstand regte. Oder etwa weil die projektierte Linie just durch den Landbesitz des aus Polen emigrierten Politikers Ignace Paderewski führte und dieser sich lange Zeit gegen die Umsetzung des Werks gesträubt hatte. Naturfreunden, vor allem solchen, die mit dem NF‑Haus Les Barmes im Val d'Anniviers VS (s. "Naturfreund" 1/02) vertraut sind, tönt der Name Paderewski noch aus anderen Gründen wie Musik in den Ohren: weil erzählt wird, dass jener Politiker (und grosse Konzertpianist) eben auch im Naturfreundehaus Les Barmes aufgespielt hatte...

Unterwegs auf diesem Toblerone‑Weg sieht man manch schönes Haus. Eines davon ist die in die Jahre gekommene Villa rose bei Gland. Sie ist, wie's der Name besagt rosa; sie ist versehen mit grünen Fensterläden, ist zweigeschossig, bedeckt durch ein Ziegeldach und sie gilt seit 1997 als historisches Denkmal von nationaler Bedeutung. Diese Villa rose aber ist alles andere als ein gemütliches Heim; sie ist ein Fort, eine Festung! Und als das ist sie Bestandteil der Promenthouse‑Verteidigungslinie. Im März 1940 hat das Schweizer Militär den Bau dieser als Villa getarnten Festung begonnen, im September des gleichen Jahres wurde sie mit Waffen vollgestopft. Die Mauern dieses Hauses sind über zwei Meter dick, die Decke gar 2.50. Und selbstverständlich sind die Fenster bloss Fälschung, stattdessen gibtes überall ‑ auch vom WC aus ‑ getarnte Schiessscharten, und klar war die Villa rose so konzipiert, dass die Truppe in deren Gemäuer über Wochen hätte überleben können... Davon hat sich manch einer schon beeindrucken lassen; so hat gar die japanische Zeitung Asahi Shimbum zuhanden ihrer 14‑Millionen‑Leserschaft über diese etwas ausgefallene Villa östlich von Nyon berichtet.

Und doch noch Ruhe...

Wer diesen Sentier des Toblerones, ausgehend von Bassins, abmarschiert hat, ist bis am Schluss an rund 3000 solcher Beton‑Blocks vorbeigekommen. Diese Klötze sind wuchtig, sie sind gut drei Meter hoch, und man malt sich aus, wie und mit welch riesigem Aufwand diese Verteidigungslinie damals errichtet worden ist. Und man wundert sich, woher der Beton und das Eisen für diese Blocks bezogen werden konnte. Bei entsprechenden Fragen erfährt man, dass von Roll in Gerlafingen und von Moos in Emmenbrücke Lieferungsschwierigkeiten hatten und man stösst schliesslich auf Bezugsquellen in Luxemburg und Frankreich; in Anbetracht der damals weitgehend geschlossenen Grenzen dürfte auch dies mit beträchtlichem Aufwand verbunden gewesen sein.

Die Wanderung auf dem TobleroneWeg indes vermag nicht nur aus militärhistorischer Sicht zu interessieren. Dadurch, dass diese Blocks eine intensive Landwirtschafts‑Nutzung mit entsprechenden Maschineneinsatz eher behindern, haben sich in deren Umgebung Nischen entwickelt resp. erhalten, von denen verschiedenste Pflanzen‑ und Tierarten profitieren. Dies gilt vor allem für jene Abschnitte, wo die Anreihung der Blocks quer durch ansonsten offene Felder führt. Andererseist schlängelt sich dieser Sentier über weite Strecken entlang von Bachläufen; ergo wandelt man ‑ obwohl zum Teil in unmittelbarer Nähe von Siedlungen mitunter durch geradezu idyllisch wirkende Gegenden: neben einem gurgelndes Wasser, über einem das Blätterdach der Laubbäume, um einem das Zwischtern und Gezirpe von Vögeln. Und dann wieder, draussen auf den Lichtungen, immer wieder Blicke auf weiss‑bekappte Berge; es sind die Gipfel der französischen Alpen, am anderen Ufer des Lac Léman.

 
 

Oertliche NF‑Sektionen

Im Genferseegebiet unterhalten die Naturfreunde insgesamt drei Häuser: das Coutzet der Sektion Nyon (nähere Angaben siehe auf Seite 16 bei Nr. 45), das Haus Muguet der Sektion Rolle (Nr. 47) und das Frateco der Sektion Montreux‑Vevey‑Riviera (20). Hier zudem die Adressen der vier im Gebiet verankerten NF‑Sektionen. Sektion Lausanne: Florence Graf Boillat, case postale 576, 1001 Lausanne; Sektion Montreux: Walter Häfliger, Châtel‑St‑Denis, 1808 Monts‑de‑Corsier; Sektion Rolle: Josette Mühlethaler, Ch. de Pré‑Fleuri 17, 1260 Nyon; Sektion Genf‑ Florent Joerin, 8, Bd du Pont‑d'Arve, 1205 Genève; Sektion Nyon: André Ravey, case postale 257, 1260 Nyon.

Der Tobleroneweg in Kürze

NF. Der Toblerone‑Weg  erstreckt sich ab der Haltestelle Bassins (an der Eisenbahnlinie Nyon‑St. Cergue La Cure) entlang der Bachläufe Ruisseau de la Combe, Serine und Promenthouse hinunter zum Genfersee nach Prangins. Gesamtlänge: 15 km, nötiges Zeitbudget: ca. 5 Stunden. Die für die Toblerone‑Blocks interessantesten Wegabschnitte befinden sich zwischen La Cézille und Gland. Die südwestlich von Gland gelegene Festung Villa rose kann von Einzelreisenden nicht besucht werden, Führungen ab 10 Personen auf Anmeldung, Tel. 022 364 22 14.

Der Sentier des Toblerones ist durchgehend mit gelben Rhomben ausgeschildert. Nennenswerte Steigungen sind nirgends zu bewältigen. Die Haltestelle Bassins als Ausgangspunkt liegt auf 738 m, Prangins als Zielort auf 380 m (siehe auch Seite 10). An diversen Orten unterwegs kann die Wanderung unterbrochen und auf Busse umgestiegen werden. Die Züge ab Nyon hinauf nach Bassins (Halt nur auf Verlangen)'verkehren im Halbstundentakt, jeweils 08 und 35. Vom Schloss Prangins nach Nyon fahren Ortsbusse; oder man geht 20 Minuten zu Fuss. Kartenmaterial für diese Wanderung: Landeskarte St. Cergue (260), 1:50'000.

Verpflegungsmöglichkeiten unterwegs finden sich u.a. in Vich , Gland (beim Bahnhof) und in Prangins (im Landesmuseum und im Dorf); eine ebenfalls empfehlenswerte Adresse ist das im ersten Teil der Wanderung zu erreichende Café‑Restaurant du Moulin bei La Cézille. Im Mündungsgebiet des Promenthouse breitet sich mit dem Domaine Impérial ein nobler und weitläufiger Golfplatz aus. Verantwortlich für die Schaffung des Sentier des Toblerones zeichnet vorab die 1996 gegründete Association de la ligne fortifiée de la Promenthouse. Weitere Infos zum TobleroneWeg bei: Office du tourisme de Nyon, 1260 Nyon 1, Tel. 022 361 62 61, e‑mail: tourism@nyon.ch; im Internet siehe unter: www.toblerones.ch..